Foto: Sabine Wild

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Singend auf dem kahlen Aste

Der November war diesmal eher ein Oktober, besonders in der ersten Hälfte. Doch der Taumel der Blätter weist eindrücklich darauf hin, dass wir uns auf unserer Jahreswanderung bereits im Tal des Todes befinden. Es ist nun doppelt so lange dunkel wie hell, und der Morgen pflegt uns an der Frostgrenze zu begrüßen. Auch unsere Gedanken finden in dieser Jahreszeit nur schwer den Pfad der Zuversicht, so dass wir eher von traurigen Erinnerungen bedrückt, als von Hoffnungen emporgehoben werden. 

Dies ist daher die Zeit für musikalische Unterstützung. Und es ist bestimmt kein Zufall, dass gerade auf deutschem Klima-Boden Musiker wuchsen, die auf mitreißende Weise darüber Töne zu setzen vermochten, was es heißt, traurig sein zu müssen, aber Hoffnung haben zu können. Die deutsche Barock-Musik hat es hierin zu wahrer Meisterschaft gebracht. Die erst in diesem Jahr gegründeteMusiker-VereinigungWUNDERKAMMER hat am 9.November diese Schatztruhe geöffnet. In der direkt am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte gelegenen Ernst-Moritz Arndt-Kirche brachte sie Werke von H. Schütz (1585-1672), D. Buxtehude (1637-1707) und J.S. Bach (1685-1750) zu Gehör.

Das hörbare Bild schaffen

Die ganze Qualität dieser Formation zeigte sich bereits im Eingangsstück von Buxtehude „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser“. So nämlich sang der Tenor Jan Kobow von seinem Wunsch, aus seinem irdischen Jammer zur freudigen Glückseligkeit emporgehoben zu werden. Und in diese Höhen flogen frohlockend die beiden Violinen voran (Christoph Timpe, Andreas Pfaff), in ihrem Abstand zur Erde gestützt von einer einzigen Klang-Figur der Bass-Gruppe (Sarah Perl, Violone und Martin Seemann, Violoncello). Doch antwortete die Relais-Station auf der Erde niemals aus einem Bunker, sondern trat heraus ins Freie, um jede Flugbewegung der Violinen im Sichtkontakt entweder zu bestätigen, zu ermahnen oder gar mitzuwünschen. Und die beständige Korrespondenz erwuchs erstaunlicherweise aus dieser von Anfang bis Ende unverändert wiederkehrenden Bass-Tonfolge, einem Ostinato, das die Beständigkeit der erforderlichen Anstrengungen sinnfällig machte, ohne doch zu beschweren. Im Gegenteil: Die Violinen ihrerseits meldeten dankbar neu erreichte Ausblicke zur Erde zurück, so dass der Tenor seine begehrte Zuversicht auch gewinnen konnte. Das war meisterlich!

Die musikalische Reise suchte Rat auch auf den Spuren der Geschlechterliebe. Es erklangen „Nachdem ich lag in meinem Bette (Schütz) und „Ich suchte des Nachts“ (Buxtehude), indem Uta Krause (Sopran) und Michael Rapke (Bass) zum Tenor hinzutraten. Sehnsüchtiges Verlangen und Aufbruch in Unrast führten die Spannung weiter und steigerten die Erwartung des Publikums. Und wie glänzend brach dann die Erlösung herein, als in der sinfonischen Einleitung von Bachs „Ich geh und suche in Verlangen“ nicht nur der Aufbruch, sondern auch die Ankunft in ein bewegtes und bewegendes Klangbild gefügt wurde.

Auf den windpfeifenden Flötentönen des Orgelpositivs (Peter Uehling) und dem Hauch des gefiederten Cembalos (Mira Lange) flog aus der Bassgruppe ein Aufruhr an Kraft in die seitwärts aufgestellte Linie der Flieger. Dort musste sich eine noch zögernde Oboe (Markus Müller) der Oboe d’amore ergeben (Fréderique Breullon). Und die aufmerksam gewordene Viola verließ ihre Bedächtigkeit, blickte den aufspringenden Violinen hinterher und folgte. Da fragte sich der mitfliegende Zuhörer, wie ein solch warmes Hoffnungsleuchten ohne Zuhilfenahme von wenigstens einhundert Kerzen angezündet werden konnte. Doch bleibt dies wohl auch das Geheimnis von Meister Bach.

Den Schwerpunkt finden

Wenn wir uns Musik als eine Bewegung von Tönen vorstellen, deren Linie gleich Tänzern trotz allen Aufschwungs doch immer wieder den Boden berührt, dann kann uns hier vielleicht Heinrich von Kleist weiterhelfen. Der veröffentlichte im Jahre 1810 in den von ihm herausgegebenen „Berliner Abendblättern“ seinen eigenen Bericht von einem seltsamen Gespräch auf einer Parkbank. Darin stellte sich sein Gesprächspartner als Liebhaber des Marionettentheaters vor, der die These aufstellte, eine nach seinen Anweisungen von einem Mechaniker hergestellte Puppe vermöchte einen Tanz aufzuführen, der alle Möglichkeiten auch der besten Tänzer an Eleganz der Linienführung überträfe. Denn da jede Bewegung ihren Schwerpunkt habe und deshalb nur dieser im Inneren der Figur bewegt werden müsse, käme es für den Puppenspieler darauf an, seine eigene Seele in den Schwerpunkt der Bewegung zu versetzen; die Glieder seien jedoch nur tote Pendel und folgten dem bloßen Gesetz der Schwere nach.

Nun könne die Seele des Bewegers diesen Schwerpunkt auch verfehlen, etwa wenn sie sich ziere, denn dann sei sie eben woanders. Doch das könne durch einen mechanischen Beweger vermieden werden, der jederzeit imstande wäre, den exakten Schwerpunkt zu bestimmen. Und da er wegen der Festlegung nur diesen Punkt in seiner Gewalt habe, blieben alle übrigen Glieder, „was sie sein sollen, tot, reine Pendel, und folgten dem bloßen Gesetz der Schwere, eine vortreffliche Eigenschaft.“

Nach diesem Ausflug in die Analogie des Puppenspiels wird nun auch klar, wodurch der Glanz Bachs in der WUNDERKAMMER-Darbietung so wärmend zur Geltung kam: Es gelang den Seelen der Musiker, mit ihren jeweils melodieführenden Instrumenten den Schwerpunkt der Gesamtbewegung zu treffen, während sich die jeweils übrigen Instrumente nach dem Gesetz der Schwere als „Pendelbewegung der Glieder“ fügten. Und dies im Gespräch immer neuer Formationen, in aufsteigenden Höhen oder im drehenden Umschwung. So vernahm ein erfrischtes Publikum die frohe Kunde von einer möglichen Wende.

Um die geht es auch in der „Musikalischen Vesper“ der WUNDERKAMMER unter dem Titel: „Seelchen, habt ihr nicht gesehen“ am 14. Dezember um 18 Uhr, wieder in der Ernst-Moritz-Arndt-Kirche am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte. Zu Gehör kommt Weihnachtsmusik des deutschen Frühbarock mit Werken von Heinrich Albert, Johann Theile, Heinrich Schütz und anderen. Die Fahrt vom U-Bahnhof Rüdesheimer Platz zum Veranstaltungsort dauert nur 15 Minuten.

 

Ottmar Fischer, Redakteur der Schöneberger Stadtteilzeitung